Naihanchi – Die effektivste Kata

 

Von Iain Abernethy

 

 

(übersetzt von Jessica Kallmaier)

 

 

 

Die Kata Naihanchi (Tekki) wird in den meisten Karate Stilrichtungen praktiziert. Das Wort Naihanchi bedeutet soviel wie „seitwärts kämpfen“, Aufgrund der unverwechselbaren Embusen (Boden Schema) der Kata. Dieses Embusen führte oft dazu, dass viele Karateka glauben, die Kata sei dazu gedacht für den Kampf auf einem Boot oder wenn man mit dem Rücken zur Wand steht usw. Wie wir später sehen werden, haben die Schritte seitwärts nichts zu tun mit einem Kampf auf einem Boot, sondern mit einem äusserst effektiven außer Gefecht setzen eines Gegners. Im Shotokan  wird die Kata Tekki genannt, was übersetzt „ Eisenreiter“ bedeutet und vermutlich auf den Stand Kiba-Dachi zurück zuführen ist. In der Vergangenheit war Naihanchi oft die erste Kata, die unterrichtet wurde, aber heutzutage tendiert es dazu, dass sie erst beim braunen Gürtel vorgestellt wird. Naihanchi ist visuell nicht beeindruckend, es sind keine extravaganten Techniken oder auffallende Sprünge enthalten, was dazu führt das viele Schüler sie nicht gerne praktizieren. Mit der Kata ist es unwahrscheinlich irgendwelche Trophäen zu gewinnen und häufig wird sie widerwillig gelernt und praktiziert. Ich persönlich glaube, dies ist eine große Schande, denn wie ich es sehe, hat die Kata den Karateka viel zu bieten.

 

 

Von Sokon  Matsumura (1796-1893) wird behauptet, Naihanchi ins Karate gebracht zu haben. Matsumura verschmolz die einheimische okinawanische Kampfkunst „Te“ mit verschiedenen Methoden der chinesischen Kempo miteinander, welche dann unter dem Namen Shuri-Te bekannt wurde. Matsumuras Kampfkünste waren so gut, dass er sowohl als Bodyguard als auch als Kampkust-Ausbilder von den drei aufeinander folgenden Königen der Ryukyu Inseln ernannt wurde.

 

 

Matsumura erfüllte diese Rolle bis die Monarchie 1879 aufgelöst wurde. Als zusätzliche Anerkennung  seiner Künste wurde er oft als „Bushi“ (Krieger) bezeichnet.  Neben seinen Pflichten als Bodyguard besuchte Matsumura als ein Gesandter in staatlichen Angelegenheiten gelegentlich China. Während dieser Reisen wollte er Kempo von den chinesischen Militäattaches studieren und lokale Kampfkunst Schulen besuchen. Es ist möglich, dass Matsumura der erste war, der Naihanchi auf einer seiner Reisen vorstellte. Er könnte außerdem Anweisungen von einem der vielen chinesischen Kampfkünstler die Okinawa besuchten erhalten haben und in die Kata aufgenommen haben.

 

 

Unter Matsumuras Schülern war Anko Yasutsune (1830-1915), welche rauch bei Sho Tai (dem letzten König von Ryukyu) als Schreiber angestellt war. Itosu war auf Naihanchi spezialisiert und glaubte das es sowohl die einfachste und doch zugleich die schwierigste zu erlernende Kata war. Itosu entwickelte und überarbeitete viele Kata und er war es auch der die Nidan und Sandan Versionen geschaffen hat und der ursprünglichen Kata seine Shodan-Nachsilbe gegeben hat. Heutzutage praktizieren manche Stile alle drei Versionen (z.B. Shotokan) und manche nur das Original (z.B. Wado-Ryu). Es wird gesagt, das die beiden Naihanchi Kata die von Itosu geschaffen wurden,speziell für den Unterricht von Schülern entwickelt wurden und dadurch nicht die gefährlichen Techniken enthalten wie das Original. Es ist wahrscheinlicher, dass die Nidan und Sandan Versionen Varianten einer Thematik sind und noch viele effektive Kampftechniken enthalten (wenn du weißt wo/wohin du sehen musst). Hironori Otsuka (Gründer des Wado-Ryu) hingegen glaubte, das die Nidan und Sandan Versionen  „nahezu nutzlos“ sind und das is möglicherweise der Grund warum sie vom Wado-Ryu Lehrplan ausgelassen werden. Im Gegensatz zu seiner Abneigung der Nidan und Sandan Versionen, erklärte Otsuka das das Original (Shodan) seine Lieblingskata war.

 

 

Es war im Jahre 1901 als Itosu Karate in das physikalische Erziehungsprogramm für Okinawas Schüler stellte. Itosu glaubte das Karate viel zu gefährlich war um es Kindern beizubringen und machte sich an die Verschleierung  der hoch effektiven Techniken der verschiedenen Kata. Das Ergebnis  der Veränderungen war, das Itosu den Kindern in den Kata hauptsächlich schlagen und blockieren beibrachte. Bedeutend ist, wenn man Naihanchi (und wirklich alle Kata) betrachtet wie die Mehrzahl des modernen Karate Itosus Fachbegriffe benutzen. Daher gab das Label eine Technik heraus, welche eine Verschleierung der beabsichtigten Anwendung darstellt.

 

 

Meine Überzeugung ist es, dass Naihanchi viele hoch effektive Techniken und Konzepte beinhalted, welche großen Werte für die heutigen Karateka darstellen. Nur wenige Schüler heutzutage widmen ihr wegen ihrer einfachen Erscheinung die nötige Aufmerksamkeit, die sie Verdient. Wie schon vorher erwähnt, wird das verschlimmert durch die Tatsache, das viele Ausbilder erklären das die Kata für den Kampf auf einem Boot, oder auf erhöhtem Land zwischen Reisfelder entwickelt wurde. Mit diesen Erklärungen ist es unwahrscheinlich, dass die Studenten die Kata schätzen, weil sich nur wenige in solchen bizarren Situationen wiederfinden werden. Alle Seitwärts schritte in der Kata sind dafür da, um den Gegner zu stellen und zu treffen, der sich nun aufgrund der vorhergehenden Technik nicht mehr im Zentralbereich befindet oder um aus dem Wirkungsbereich des gegnerischen Angriffs zu gelangen. Sie haben nichts zu tun mit dem kämpfen um Reisfelder herum!

 

 

Es muss klar sein, das jede Kata dafür beabsichtigt ist, als ein eigenständiges Kampfsystem verwendet zu werden und das sie nicht dafür entwickelt wurde, sie in Verbindung mit anderen zu benutzen( auch wenn es keinen Grund gibt das sie es nicht könnte). Jede Kata zeichnet die Kampftechniken und Grundsätze der Person auf, die sie entwickelt hat. Es ist lächerlich zu behaupten, das der Erfinder der Naihanchi  „ ein Spezialist beim Kampf im Reisfeld“  war, dass ein Krieger wie Matsumura nur im entferntesten an solchen Methoden interessiert sei, oder dass Itosu auf diese Methoden spezialisiert sein würde und dann darauf besteht, dass seine Schüler ein Jahrzehnt mit der Perfektionierung der Techniken für solch eine entfernte Möglichkeit verbringen. Es ist weit mehr wahrscheinlicher, das Itosu glaubte, die Naihanchi würde so effektiv sein, dass selbst wenn es die einzige Kata wäre die die Schüler erlernten, sie trotzdem sehr fähige Kämpfer wären.

 

Die Aussage, dass Naihanchi  als ein eigenständiges Selbstverteidigungssystem beabsichtigt war, wird in den Schriften und Lehren von Choki Motobu  (1871-1944), welcher in Okinawa ein sehr gefürchteter Kämpfer war, unterstützt. Im Jahr 1926 schrieb Motubu  „Die Naihanchi,Passai,Chinto und Rohai Stile haben China heutzutage nicht verlassen und bleiben nur in Okinawa eine aktive Kampfkunst“. Das Schlüsselwort des Zitats ist „Stile“. Dies lässt darauf schließen, dass Motobu glaubte,  dass alle Katas ins sich geschlossene Systeme sind.  Hironori Otsuka, welcher Anweisungen von Motobu für die Kata erhielt, weist auf die enthaltene Menge an Wissen innerhalb der Naihanchi in seinem Buch „Wado Ryu Karate“ hin. In dem Buch erklärt Otsuka, das man für die Kata mehr als ein Leben brauchen würde, um sie zu beherrschen und dass es „etwas Tiefgründiges in Ihr gibt“.

 

Choki Motobu war der dritte Sohn und daher war es nicht gestattet, das Familiensystem zu studieren (Motobu-Ryu), da dies nur das Privileg des ersten Sohnes war. Motobu war eifrig daran interessiert zu lernen wie man kämpft und versuchte alles was er durch die heimliche Beobachtung von seinem Vater und dem ältesten Sohn sehen konnte, in sich aufzunehmen. Dies erwies sich als frustrierend und Motobu entschied sich dazu selbst zu trainieren, indem er ein Makiwara und große Steine als Gewichte benutzte. Motobu erlangte viel Kraft und erntete den Spitznamen „Saru“ (Affe) aufgrund seiner Gewandtheit. Motobu war als Kind unkontrollierbar und als er erwachsen wurde, nahm er oft an Kämpfen teil, um seine Fähigkeiten zu testen und zu entwickeln. Motobu gewann ein paar formale Unterrichtsstunden aufgrund der Sympathie von Sokon Matsumura, Tokumine, Kosaku Matsumura und Anko Itosu. Allerdings war seine Beziehung zu seinen Lehrern immer belastet durch seinen ständigen Wunsch, sich zu beweisen. Dieses Verhalten war auch der Grund, aus welchem er von Itosus Dojo verwiesen wurde.

 

Motobu spielt eine große Rolle bei der Verbreitung von Karate nachdem er 1921 einen europäischen Profiboxer in Kyoto besiegte. Motobu entschied sich aufzutreten nachdem sein Lehnsherr ihm eine Anzeige mit Herausforderern zeigte. Es wird berichtet, das  Motobu den gegnerischen Schlägen auswich bevor er sich schnell nach vorne bewegte und den Boxer mit nur einem Schlag bewusstlos schlug. Das Publikum war begeistert, wie leichtfertig er den Boxer besiegte und die Nachricht über den Kampf verbreitete sich rasch. Die Japaner waren nun sehr Begierig darauf mehr über die bisher unbekannte Kunst des Karate zu erfahren. Das Ergebnis war, das Motobu ein Vollzeitlehrer wurde. Trotz seines Rufes wird gesagt, das über Motobu gut gesprochen wurde und er seinen Schülern die Wichtigkeit eines guten Umgangs beibrachte.

 

Motobu war zweifellos einer der fähigsten Kämpfer und was interessant ist –im Bezug auf diesem Artikel- die Tatsache, das die Kata, die er in seinem Unterricht hervorhob, Naihanchi war. Dies könnte als unwichtig abgewiesen werden, denn wie einige sagen war Naihanchi die einzige Kata die er kannte (manche sagen er kannte auch Passai). Die Tatsache das Motobu nur eine oder zwei Kata kannte war nicht unüblich, da es für diese Zeit die Regel war nur wenige Kata zu studieren. Obwohl die alten Meister nur ein paar Formen kannten, verstanden Sie diese in der Tiefe und hatten die Fähigkeit diese anzuwenden. Heutzutage ist die Situation natürlich anders mit der vergleichsweise schlechten Qualität der Kenntnis von vielen Kata. Dies ist nicht unbedingt schlecht, da dies dafür sorgt, dass Karate sein Erbe nicht verliert, aber es wäre klüger, sich ein oder zwei Kata herauszupicken um diese in der Tiefe zu studieren. Motobu war zweifellos ein Pragmatist, der seinen Kampf sehr ernst nahm. Was berücksichtigt werden muss ist, das Motobus Schüler unter seiner Leitung studierten um Ihre Kämpfe zu verbessern und er betrachtete das Studium der Naihanchi offensichtlich als ein wichtiger Teil des Kämpfens. Wenn das nicht der Fall wäre, wäre es sehr zweifelhaft, das ein Kämpfer wie Motobu sich damit plagen würde die Kata zu lernen oder seinen Schülern zu lehren, wenn er geglaubt hätte sie hätte einen zu geringen Wert.

 

Motobu wird nachgesagt, viele Schlag- und Wurftechniken aus der Naihanchi entnommen und unterrichtet zu haben. Diese Techniken sind selten gesehen unter den unrealistischen Anwendungen die oft mit der Kata heute assoziiert werden. Eine Technik von besonderem Interesse ist die „Nami-Gaeshi“ oder auch „zurückkehrende Welle“ (jap.). Diese Anwendung, die häufig dieser Bewegung zugeschrieben wird, ist ein Ausweichen auf einen Fußfeger. Diese Anwendung ist nicht besonders effektiv oder relevant für eine Selbstverteidigungssituation gegen ein Gegner der höchst unwahrscheinlich ein Karateka ist. Obwohl in manchen Stilrichtungen die Füsse höher kommen, ist es doch meist so das die Füße auf Höhe des Kniegelenks sind. Der Zweck ist, den Kata Praktizierenden zu zeigen, wo genau der Tritt auf die Beine des Gegners gerichtet werden soll. In manche Okinawa Karate Stilen wird das treten in die Innenseite der Knie des Gegners als „Naihanchi-Geri“ bezeichnet. Es wird gesagt das Motobu einmal diesen Naihanchi-Geri benutzte um seinen Gegner das Bein zu brechen.

 

Es sollte keinen Zweifel geben, das Nahkampffähigkeiten wichtig sind, wenn es um die eigene Verteidigung geht. Naihanchi bietet viele Anwendungen im Nahkampfbereich. Die Techniken sind sehr direkt und verhältnismäßig leicht anzuwenden. Man kann unter anderem die eingebundene Verwendung von Schlagen und Greifen sehen, welche bei einem Nahkampf  der Schlüssel zum Erfolg ist. Ein Blick auf die Anwendungen von der Eröffnungssequenz der Kata zeigt, wie effektiv diese Form ist. Jede einzelne Bewegung hat das Potential eine Angreifer auszuschalten und wenn sie in Kombination (wie die Kata sie lehrt) angewandt wird, tödlich sein kann. Diese Sequenz wird dargestellt in „Karates Grappling Methods Vol.1“.

 

Die erste Bewegung der Sequenz platziert den Verteidiger innerhalb des effektiven Bereichs der Schläge des Gegners. Dieser Schlag wird auf die Karotid Sinus ausgetragen, was Bweustlosigkeit zur Folge hat, aufgrund dessen, dass das Gehirn den Schlag als hohen Blutdruck falsch interpretiert und der Körper ergreift Maßnahmen zum Schutz gegen eine Hirnblutung (auch ein gewaltiger Stoß in diesen Bereich kann zur Bewusstlosigkeit führen).  Der Zug am rechten Arm wirft die linke Schulter des Gegners zurück und daher verhindert der Wurf von einem wirksamen Schlag gefolgt ein Scheitern des Verteidigers, falls der anfängliche Schlag des Verteidigers nicht ausreichen sollte, ihn außer Gefecht zu setzen. Der Zug wird außerdem die Wirksamkeit des Schlages des Verteidigers erhöhen. Sollte der Gegner nur benommen sein, sichert die rechte Hand des Verteidigers den Kopf des Gegners, sodass ein Schlag mit dem Ellenbogen auf die Schädelbasis ausgeführt werden kann. Das Kleinhirn wird erschüttert, wodurch der Gegner desorientiert ist und ihm die motorischen Fähigkeiten fehlen. Ein kräftiger Schlag könnte tödlich sein, dadurch das der Schädel von der Wirbelsäule getrennt wird. Der Kopf des Gegners wir dann ergriffen und mithilfe der Haare oder des Ohres, falls die Haare zu kurz sind, auf die linke Seite nach unten gezogen. Diese Verdrehung des Halses in zwei Richtungen kann zu schweren Schäden führen. Falls der Gegner immer noch funktionsfähig ist, wird ein Schlag auf das Kiefer das Gehirn des Gegners erschüttern, sodass dieser zu Boden fällt. Wenn der gegner zu Boden fällt, positioniert sich der Verteidiger neu, bevor er auf den Schädel des am Boden liegenden Angreifers tritt. Aufgrund des starken Hochhebens des Beines wird der tritt im Shotokan sehr betont. Die ganze Kombination dauert Sekunden um sie auszuführen und beinhaltet eine Menge gefährlicher Techniken. Offensichtlich ist jede Technik im Einzelnen sehr effektiv aber wenn sie in Kombination zueinander ausgeführt werden, sind die Auswirkungen verheerend (und würden nur in extremen Situationen gerechtfertigt sein). Diese ersten Bewegungen schaffen einen Eindruck auf die Wirksamkeit und Schwere der Anwendungen von Naihanchi.

 

Die Methoden und Techniken der Naihanchi sind hoch wirksam und würdigen eine tiefe Studie. Ob Techniken visuell beeindruckend sind oder nicht sollte nie eine Überlegung sein. Das einzige was zählt ist, ob die Techniken den Gegner außer Gefecht setzen. Naihanchi war Teil der Kampfkust von Matsumura, Itosu, Funakoshi, Otsuka, Motobu, Mabuni usw und alle diese warenfähige Kämpfer. Wenn du andere mit deiner Kata beeindrucken willst, dann wird dir die Naihanchi wenig bringen. Wenn du jedoch wirksame Nahkampftechniken erlernen willst und du in die Fusstapfen von manchen großartigen Karate Meistern treten willst, dann sollten Naihanchi und deren Anwendungen unerbittlich bis in die Tiefe studiert werden.

 

Shotokan Karate zur Selbstverteidigung

 

Seit mehreren Jahren lege ich in meinem Training einen Schwerpunkt auf praktisches Karate. Das heißt, dass ich einen strukturierten Ansatz verfolge mit der Analyse der Kata-Techniken, Shotokan Karate zur Selbstverteidigung und zum Schutz einzusetzen, so wie es ursprünglich entworfen und ausgeübt wurde. Der Ruf des Karate allgemein und von der Stilrichtung Shotokan im Besonderen hat in den letzten Jahrzehnten stark gelitten, da man im Karate immer mehr eine Entwicklung in Richtung des Wettkampfsports forciert hat. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden, dies hat aber dazu geführt, dass das ursprüngliche Wissen der Kampfkunst verschüttet ging. Heute gibt es viele große – auch japanische – Meister, die sehr viel über Athletik, Sport und Wettkampf, nicht aber über echten Kampf und Selbstverteidigung wissen. In dem Maße wie Karate sich erfolgreich als Wettkampfsport immer weiter in der Welt verbreitet hat, haben andere Kampfsportarten wie Wing Tsun, Krav Maga, Systema, Brazilian Jiu Jutsu, MMA usw. den Ruf erlangt, effektive Selbstverteidigungssysteme zu sein. Das ist auch durchaus korrekt, aber die gleichen Prinzipien und effektiven Mittel finden sich auch im Karate. Das hat mir schon in den Neunzigern Karate-Legende Gilbert Gruss auf einem Lehrgang gesagt und mir gleichzeitig empfohlen, mein eigenes Karate zu finden und zu entwickeln. Das war für mich immer ein Leitsatz und macht für mich den Meister in einer Kampfkunst aus. Auf diesem Weg habe ich nun einen entscheidenden Schritt getan. Ich habe mir von Iain Abernethy ein Prüfungsprogramm anerkennen lassen, das Shotokan Karate für den praktischen Einsatz zur Selbstverteidigung trainiert. Iain ist ein weltweit führender Vertreter des praktischen Karate und Cheftrainer der World Combat Association (WCA). Diese von Peter Consterdine und Geoff Thompson geleitete Organisation versammelt alle möglichen Kampfkünste unter einem Dach, sorgt für einen Austausch und versorgt die ihr angeschlossenen Trainer mit äußerst wertvollem Wissen, das in dieser Form und in dieser Menge sonst nur selten zu finden ist. Diese weltweit anerkannte Organisation hat mir tolle Hilfen zur Verfügung gestellt und ich empfinde es als große Anerkennung, dass mein Prüfungsprogramm nun dort genehmigt wurde. Das zeigt, dass mein Training zur Selbstverteidigung bestens geeignet ist. Ich habe mich schon vor einiger Zeit der WCA angeschlossen, trage den 4. Dan und bin zertifizierter Instructor. Mit der Genehmigung meines Programms kann ich Dan-Prüfungen bis zum 3. Dan abnehmen, die den Anforderungen der WCA entsprechen. Mein Prüfungsprogramm habe ich Nahe-Te in Anlehnung an die alten Stilbezeichnungen Shuri-Te, Naha-Te oder Tomari-Te benannt. Es bedeutet „die Hand von der Nahe“. Freilich habe ich damit keine neue Stilrichtung geschaffen oder einen neuen Verband gegründet. Ich mache nach wie vor Shotokan – allerdings mit einer anderen Ausrichtung als der rein wettkampfsportlichen wie wir es im DKV schwerpunktmäßig betreiben. Auch werde ich dem DKV nicht den Rücken kehren. Für mich ist das, was ich mache, ein Zusatzangebot mit praktischem Nutzen und ergänzt das Sporttraining hervorragend. Sollte jemand Interesse an einem Werdegang mit Prüfungen in praktischem Karate haben, kann er sich gerne an mich wenden.

 

Carsten

 

10.12.2017

 

 

 

 

Kampfkunst und Realität

 

Karate hat, wie viele andere Kampfkünste auch, durch die Entwicklung zum sportlichen Wettkampf eine weltweite Verbreitung gefunden. Andere Kampfkünste haben diese Entwicklung bewusst ausgeschlossen oder sind als effektive Selbstverteidigungssysteme neu entstanden. Dabei betonen ihre Vertreter die Innovationskraft und überlegene praktische Wirksamkeit ihres Systems und schauen eher abfällig auf die Künste, die eine sportliche Entwicklung nahmen. Aber auch die Ursprünge der sportorientierten Kampfkünste liegen in der Selbstverteidigung und sind nicht minder effektiv.

 

Entscheidend ist nicht das System oder die Kampfkunst selbst, sondern die Art und Weise wie man sie trainiert. Wer erfolgreich sein will, muss zielgerichtet trainieren. So kann man sein Training auf verschiedene Ziele ausrichten: Wettkampf- oder Breitensport, Selbstverteidigung oder Gesundheitstraining. All diese Möglichkeiten können im Karate verfolgt werden. Wichtig ist immer, dass man sich bewusst macht, was man wofür trainiert. Denn man wird immer die Dinge anwenden, die man im Training geübt hat - ob im Turnier oder im Falle eines realen Angriffs.

 

Vergleichen wir also die Grundlagen von Wettkampf- und Selbstverteidigungstraining:

 

Während es beim Wettkampf um den Sieg über einen Gegner und die Perfektion von Techniken (etwa bei der Kata) geht, legt ein Selbstverteidigungstraining Schwerpunkte auf die Wirksamkeit der Techniken und die Vermeidung eigener Verletzungen.

 

Selbstverteidigung erfolgt nicht nach einer einvernehmlichen Absprache wie beim Wettkampf sondern durch eine einseitige Aggression. Das Training für den Wettkampf beschränkt sich daher auf die Kampfphase, während zum Selbstschutz alle Phasen einer realistischen Bedrohung vor und nach dem Kampf geübt werden. Außerdem sind die Distanzen im Wettkampf durch Regeln beschränkt, während die reale Situation Erfahrung in allen Distanzen erfordert.

 

Die Kampfkunst strebt nach einer Vielzahl von Techniken, im Wettkampf wird sie allerdings auf die Erfolgstechniken beschränkt. Ähnlich ist es auch in der Selbstverteidigung. Dort übt man vor allem die Wirkungstechniken, die einen Angreifer ausschalten können und die man selbst unter Stress ausführen kann. Der Schwerpunkt wird hier eher auf grobmotorische Techniken gelegt, da feinmotorische Bewegungen unter Einfluss von Adrenalin schwer fallen. Der Kata-Wettkampf fordert dagegen sogar die Ausführung komplizierter und schwieriger Techniken mit hoher Präzision. Im Kumite-Wettkampf muss man sich mit Wettkampftechniken auseinandersetzen, während in der realen Situation gewöhnliche Gewaltakte vorherrschen. Diese werden von eher untrainierten Tätern ausgeführt und sind nicht unbedingt technisch anspruchsvoll aber energisch und brutal.

 

Aufgrund der technischen Schwierigkeit und Komplexität lernt man in der Kampfkunst und für den Wettkampf langsam (flache Lernkurve). Dagegen Bedarf es für die Selbstverteidigung einer steileren Lernkurve. Man muss schnell lernen, sich verteidigen zu können. Darüber hinaus sollte der Aufwand zur Erhaltung der Fähigkeiten gering sein, während der Aufwand technisch anspruchsvolle Techniken und Methoden zu bewahren sehr hoch ist.

 

Um die unterschiedlichen Ziele des Trainings erreichen zu können, müssen unterschiedliche Trainingsinhalte im Vordergrund stehen. Für den Wettkampf liegt der Schwerpunkt auf Technik- und Wettkampftraining während für die Selbstverteidigung Impact-, Simulations- und Szenarientraining die Hauptinhalte bilden. Dabei versucht man möglichst realistische Bedingungen zu simulieren. Das Wettkampftraining findet im Gi in der Halle auf einer Kampffläche statt, während Selbstverteidigung auch in Alltagskleidung und außerhalb des Dojos geübt werden sollte.

 

Kraft-Ausdauer wird in allen Fällen trainiert. Im Wettkampf legt man Wert auf Schnelligkeit, wohingegen die Selbstverteidigung Kraft und Abhärtung erfordert. Das sind allerdings auch konditionelle Eigenschaften für Vollkontakt- oder Grappling-Wettkämpfe. Eine Kampfkunst soll man bis ins hohe Alter ausüben können. Man muss je nach Alter seine Schwerpunkte und Trainingsinhalte anpassen. Der Wettkampf ist aber eher jüngeren Athleten vorbehalten.

 

Zusammenfassend kann man sagen, dass Gewalt und Brutalität die Unterscheidungsmerkmale zwischen Sport und Selbstverteidigung darstellen. Im Wettkampfsport geht es darum, Höchstleistungen unter geringem bzw. mittlerem Stress zu erbringen, während in der Selbstverteidigung eine akzeptable Leistung unter höchstem Stress das Ziel ist. Dementsprechend muss das Training dafür gestaltet werden und man sollte anhand der oben beschriebenen Unterscheidungsmerkmale erkennen, was man in der jeweiligen Einheit trainiert.

 

 

 

Carsten

 

31.12.2016